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Nicole Rauscher Akademie

23 Februar, 2012

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Kernsätze von Prof. Werner Lauff

 

Kernsätze meines Gedankengebäudes von Erziehung

 

Wenn wir ‚Erziehung’ sagen oder hören, dann ist das nicht Erziehung selbst. Es ist nur das Wort ‚Erziehung’. Sprache und Wörter haben immer mehrere Verständnisebenen: ‚Erziehung’ gibt es als tagtäglich neue Handlung, als geschichtlich und geographisch wandelbare Vorstellung und als immer und überall gleich bleibenden Gedanken. Man kann also sagen: Erziehung gibt es als Tun (erziehen), als Wort (Erziehung) und als Begriff (ERZIEHUNG).

  • Erziehen ist das, was die Menschen immer und überall tun, wenn sie ein Kind groß ziehen. So auch die Menschen heute in unserem Land. Die erzieherischen Tätigkeitsformen sind geschichts- und umweltabhängig. Auf dieser Ebene zeigt sich Erziehung’ dem Betrachter in einer großen, immer wieder veränderten Vielfalt. Die Steinzeiteltern haben anders erzogen als die Industriezeiteltern, die Grönlandeltern anders als die Englandeltern. Die vorrangigen Wissenschaftsformen für diese Erziehungsebene sind die Kulturanthropologie und die Ethnologie.
  • In Erziehung als historische Vorstellung ist all das zusammengefasst, was je im Namen von Erziehung geschehen ist bzw. erzählt und berichtet wurde. Auch die aus diesen Geschichten abgeleiteten Vorstellungsformen über ‚Erziehung’ sind von großer Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit. Der Geschichtswissenschaftler deutet die Erziehungsgeschichten als Quellenmaterial zur Beschreibung dessen, wie es einmal war. Der Sozialwissenschaftler benutzt das historische Datenmaterial zur Konstruktion von Thesen, wie es künftig sein soll. Die entsprechenden Erkenntnisformen werden als Hermeneutik bzw. Konstruktivismus bezeichnet.
  • ERZIEHUNG groß geschrieben ist die Gegenstandsbestimmung von Erziehung im Lichte der ewigen Naturgesetze des Erwachsens und Erziehens von neuem Leben. Die Fähigkeiten zur Zeugung und Erziehung sind in der Natur immer schon vorgegeben und werden mit jedem neuen Menschen lediglich neu geboren. In dieser Denkform ist ‚Erziehung’ trotz aller historischen, geographischen, persönlichen, situativen und erkenntnistheoretischen Besonderheiten das ewig Gleichbleibende, das sich mit dem Kernsatz: ‚Die Alten ziehen ihre Jungen’ treffend beschreiben lässt. Der Ursprung von Erziehung (erziehungswillige Eltern) wie der Endzweck von Erziehung (neue erziehungswillige Eltern) sind unveränderlich. Von hierher müssen wir Erziehung denken, wenn wir diese menschliche Tätigkeit nicht immer weiter verwirren wollen. Erzieherische Vielfalt wird in diesem Satz zu einer immer gültigen Einheit zusammengefasst. Erziehungswissenschaft in diesem Sinne ist nicht historisches Verstehen oder hypothetisches Konstruieren, sondern systematische Naturbetrachtung und lebensweltbezogene Philosophie.

 

Die erziehungswissenschaftliche Erforschung und Lehre dieser ursprünglichen Ebene von ‚Erziehung’ ist mein Erstlingswerk als Erziehungswissenschaftler. Dieses neue Gedankengebäude eröffnet der Elternbildung ganz neue eltern- und alltagsbezogene Bildungsmöglichkeiten. Elternbildung muss weder auf vorbildhafte historische Beispiele, Tugenden und Werte zurückgreifen, noch ist sie auf eine Belehrung und Beratung durch vorgefasste Sozialtechniken und -regeln angewiesen. Beide heute üblichen Bildungsvarianten verunsichern Eltern eher, als dass sie sie unterstützen und befähigen. Ihre Erziehung vor Ort ist immer wieder anders und besonders. Pädagogik gibt es so gesehen nur als immer wieder andersartige Sonderpädagogik. Jedes Besondere einer ‚Erziehung’ findet hier in Vergangenheitsanalysen wie in der Vorausschau seine Aufhebung im Allgemeinen der ERZIEHUNG. Das ermöglicht eine Elternbildungspraxis, die das natürliche Recht der Eltern auf ihre Erziehung schützt und zugleich der öffentlichen Pflicht der Eltern zur Erziehung ihrer Kinder eine verbindliche Richtung weist. Dieser Forschungs- und Bildungspraxis und dem darauf aufgebauten Theoriegebäude sind die folgenden Kerngedanken zum Thema ‚Erziehung’ entnommen:

 

  • Der Kerninhalt von ‚Erziehung’ ist immer und überall:

„Die Alten ziehen ihre Jungen“ (to bring-up the children)

  • Erziehung in der Kultur gibt es nur, weil es das Erwachsen gibt in der Natur. Eltern erziehen nicht Kinder, sondern das Erwachsen von Kindern. Das ist ein himmelweiter Unterschied.
  • Der Ursprung der Erziehung ist die Liebe der Geschlechter. Die Pflege der Erziehung der Kinder beginnt mit der Pflege der Beziehungen der Geschlechter. Erzieherisch gesehen kann man nicht die Sexualität befreien ohne das Bewusstsein der Liebe zu stärken. Die Generationenliebe geht aus der Geschlechterliebe hervor – oder eben nicht. Lieblosigkeit löst sich nicht auf, sondern pflanzt sich in der Erziehung fort.
  • Zeugung ist erster Erziehungsakt, Mutterleib erster Erziehungsraum. Erziehung beginnt nicht irgendwann (im Trotzalter oder seit Schuleintritt), sondern wirkt in der geistigen Verfassung der Eltern von Anfang an. Das Gebären ist keine Krankheit, sondern Ausdruck höchster erzieherischer Gesundheit. Gesunde Kinder sollten nicht in Kranken-Häusern geboren werden. Medizinische Sicherheit während Schwangerschaft und Geburt bewirkt nicht selten jahrzehntelange erzieherische Unsicherheiten.
  • Eltern sind einmalig und nicht ersetzbar. Beziehungsbrüche bewirken traumatische Erziehungs- und Entwicklungsbrüche. Ersatzeltern wirken notlindernd, nicht aber ohne weiteres elternbildend. Der körperliche Elternverlust braucht besondere geistige Erziehungsanstrengungen.
  • Der ewig gleich bleibende Zweck aller Erziehung ist das optimal körperlich gesund, geistig klar und seelisch befriedet erwachsende Kind. Die Anpassung an das Bestehende legitimiert sich erzieherisch nur in der Entfaltung der Selbständigkeit des neuen Menschen. Zur Verwaltung des Alten steht das Erzieherische in einem permanenten Spannungsverhältnis. Eltern sind Neuschöpfer nicht Altverwalter.
  • Alles, was Kinder klein macht oder klein hält kann nicht Erziehung sein. Erziehung ist nur dadurch Erziehung, dass sie immer Beitrag zum Erwachsen ist, gegenteilige Wirkungen verursachen Zerstörungen im erwachsenden Leben. Die Erziehung zu versagen, wo das Kind etwas nicht von alleine kann, ist genauso zerstörerisch, wie noch dort erziehen zu wollen, wo das Kind es schon selbständig kann oder im nächsten Moment aus eigener Kraft selbständig gelernt haben wird.
  • Der Mensch kann Erziehung nicht von Anfang an, er lernt sie erst im Verlaufe seiner elterlichen Erziehung. Erziehungsfehler sind deshalb vorprogrammiert. Der einzige wirklich schädliche Erziehungsfehler ist, dass Eltern aus ihren Fehlern nicht für ihre künftige Erziehung lernen.
  • Pädagogisch sehen können muss gelernt werden. Die Entwicklung eines pädagogischen Blicks braucht Zeit und Übung und regelmäßige ‚Arbeit der Erzieher an sich selbst’. Was meine Eltern an mir lernen durften, darf ich nun als Vater oder Mutter an meinen Kindern lernen. Das ist der wahre Generationenvertrag.
  • Erziehung ist also immer doppelt: Einmal geht es um Erziehung des Kindes und zum anderen um die Erziehung des Kindes durch die Eltern. Ziel der Erziehung des Kindes ist die Erzogenheit des erwachsenden, selbständig in der Welt stehenden neuen Menschen. Ziel der Erziehung für die Eltern ist die Vollendung der erlittenen Erziehung als Kind durch die aktive Erziehung am Kind und die damit übernommene eigenständige Erziehungsverantwortung auch für sich selbst.
  • Die Handlungsprinzipien in der Erziehung sind nicht beliebig, sondern verbindlich. Die Eltern müssen das Kind nähren, damit es wächst. Eltern müssen das Kind führen, das heißt Richtung geben, damit es das Wahre, Gute, Schöne lernt. Eltern müssen das Kind lassen, damit es in sich reifen kann. Das passende Maß zur rechten Zeit zwischen diesen Prinzipien ist die eigentliche Kunst der Erziehung und bestimmt ihre erzieherische Qualität.
  • Erziehung gründet auf permanenter Bindung und intendiert zu permanenter Entbindung. Was das Kind kann, müssen die Eltern erzieherisch loslassen. Erziehungsbeziehungen sind Beziehungen auf Zeit. Schon bei der Geburt wissen Eltern, dass ihre Kinder sie verlassen werden, um selbst Eltern zu werden. Ist die Mutter mehr für Bindung, so der Vater mehr für das Gelingen der Lösung erzieherisch verantwortlich.
  • Die Erziehung vollendet sich in der geistigen erzieherischen Aufarbeitung der Großeltern und der Rückführung ihrer Auswertung in das jeweils aktuelle Erziehungsgeschehen. Eltern und Großeltern unterscheiden sich nach den Prinzipien des ‚vita activa’ und des ‚vita contemplativa’.    
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