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23 Februar, 2012
Vorwort
In seinem „Sermon über die Ehe“ sagt Luther: „Erziehung ist die beste Strasse gen Himmel, und zwar für Eltern wie für Kinder.“ Heute denken wir: Erziehung ist doch nur für Kinder; Eltern haben nur Last und Arbeit. Denken wir aber nur lang genug nach, dann erkennen wir: Erziehung ist nicht nur einfach, sondern dreifach: In der ganzen Spannbreite von Erziehung werden wir als Kinder erzogen, wir erziehen als Eltern und wir gucken auf beides zurück als Großeltern. Immer geht es um dasselbe, zugleich aber immer auch um etwas ganz Anderes, das sich gegenseitig bedingt und ergänzt. Das Eigenartige der Erziehung in der Großelternzeit wird heute lieber verdrängt als auf seine Erfüllung gedrängt. Das wollen wir verändern.
Wissen wir überhaupt noch, was Erziehung ist? Wir reden von helfen, formen, bilden, heilen, Entwicklung und lernen. Vergessen haben wir weitgehend, dass Erziehung zu allererst etwas mit Wachstum und Wandlung zu tun hat. Ohne das Erwachsen der Kinder macht das Erziehen der Eltern keinen Sinn. Je nach Wachstumsphase wandeln wir uns erzieherisch vom Kind zu Eltern zu Großeltern. Das Kind erwächst zu seiner ganzen Kraft, die Eltern wachsen in ihre erzieherische und moralische Selbstverwirklichung und die Großeltern erstreben mit der Verarbeitung ihrer Erziehung ihre geistige Vervollkommnung. Ohne weiteres Wachstum tritt gerade auch im Alter auf allen Ebenen Stillstand ein.
Körperlich werden Großeltern nicht mehr geboren und sie gebären auch nicht mehr. Ihre Geburts- und Wachstumsbeiträge sind erziehungsbedingt geistiger Art. Geht es bei Kindern um das Erwachsen ihres ganzen körperlichen Vermögens, so bei Großeltern um dessen Vergeistigung. So wie Kinder erst Eltern werden, in dem sie das Kind in sich elterlich überwinden, so beginnen Eltern erst wirklich Großeltern zu werden, wenn sie das Elternhafte in sich in geistige Erziehungsdistanz umwandeln, die dann körperlich wieder umso herzlicher sein kann. Die Vergeistigung der Erziehung ist sowohl ein wichtiges, aber vernachlässigtes Element der großelterlichen Gesundheit, als auch ein notwendiger Beitrag zur steten geistigen Erneuerung der menschlichen Erziehungszirkel.
‚Erziehung ist demnach in der Tat die beste Strasse gen Himmel’ nicht nur für Kinder und für Eltern, sondern insbesondere auch für Großeltern. Schon bei Luther bedeutete ‚gen Himmel’ weniger so viel wie die ‚letzte Reise’ als vielmehr die Reise zur Wiederherstellung der Ordnung und Harmonie zwischen den Gesetzen der Erziehung in der Kultur und denjenigen des Erwachsens in der Natur. Das ist es, worum sich alles dreht.
Erziehungsreisen für Großeltern
Die Elternuniversität Hamburg plant in Zusammenarbeit mit dem Landesseniorenbeirat Hamburg ‚Elternreisen’ für Großeltern. Neben Kindern und Jugendlichen, den künftigen Eltern von morgen, und den tatsächlichen Eltern von heute, die es gerade sind oder werden, soll die Arbeit der Elternuniversität auch auf die Gruppe der Großeltern ausgedehnt werden, die entweder selbst Eltern waren oder als Kind, was jeden betrifft, dereinst einmal Eltern hatten.
Das neuartige Programm basiert auf den langjährigen bisher einmaligen erziehungswissenschaftlichen Forschungen des Hamburger Erziehungswissenschaftlers Werner Lauff. Im Kern geht es in diesem Bildungsprogramm für Großeltern darum, Erziehung neuartig erinnern und auf der Grundlage eines ganz neuen Gedankengebäudes von Erziehung neu denken und ordnen zu lernen.
Sinn und Zweck ist die Verbesserung der erzieherischen Gespräche zwischen den Generationen sowie der erzieherischen und erziehungswissenschaftlichen Kommunikation insgesamt. Es gibt kein natürlicheres und notwendigeres Begegnungsfeld zwischen Generationen und in der Gesellschaft als das gemeinsame Band der Erziehung.
Die Idee ist, dass Erziehung für Großeltern eine nie abgeschlossene Reise ist. Manchmal genügt nur ein Bild, ein Wort, ein Lied, eine Bewegung, um Vergangenes in die Gegenwart zu holen. Man sieht’s an einem Lächeln, einer Träne oder auch an Zornesröte. Das Körpergedächtnis ist voller aktiver Erziehungserinnerungen. Diesen Schatz gilt es zu heben und erziehungswissenschaftlich zu evaluieren und zu kultivieren
Für die erzieherische Dynamik in den Familien und in der Gesellschaft sind Großeltern viel wichtiger, als wir heute gemeinhin meinen. Es geht nicht primär um sporadische Hilfseinsätze, sondern um viel Grundlegenderes. Meine Mutter sagte immer: ‚Es ist schön, wenn ihr kommt, aber es ist auch schön, wenn ihr wieder geht’. Großeltern müssen nicht mehr, sie wollen noch dabei sein. Die eigentliche Erziehungsteilnahme der Großeltern haben wir seit Auflösung der Großfamilien nahezu vergessen.
Wir denken, Großeltern würden erzieherisch nicht mehr gebraucht, ihre Erziehungsansichten seien veraltet. Das ist falsch und schädlich. Der Austausch zwischen den Generationen über das immer fortlaufende Band der Erziehung darf nie stocken. Nur so bleibt der Erziehungsgedanke im Fluß und für immer jung. Deshalb wollen wir die Großeltern mitnehmen auf unsere Erziehungsreisen. Sie haben viel zu erzählen.
Am Anfang waren wir alle Kinder
Als junger Mann wohnte ich in der obersten Etage eines Großstadthochhauses. Unter mit hatte eine 84-jährige Frau ihre Wohnung. Wenn ich ihr im Treppenhaus begegnete, war sie immer freundlich und fröhlich. Sie strahlte von innen heraus, obwohl sie es bestimmt auch nicht leicht hatte, wie manche Gesichtszüge verrieten. Einmal fragte sie, woher sie ihre Fröhlichkeit nehme? In ihrer bescheidenen Art antwortete sie: ‚Mit einer Kindheit voll Sonne kann man das ganze Leben haushalten.’
‚Froh zu sein bedarf es wenig’. Dauerhafte Lebensfreude kann so einfach sein, wenn der Anfang stimmt. Erst später fiel mir ein, dass man mit diesem Satz der alten Frau und mit ihren Erzählungen sicherlich ein lehrreiches Buch für uns alle hätte schreiben können. Was wird sie alles erlebt haben in ihrem langen Leben, Gutes und Böses, wir wissen es nicht, wie wir es von so vielen älteren Mitmenschen nicht wissen. Doch die Botschaft ist klar: Frühe Sonne gibt lange Wärme.
Die Wissenschaft weiß heute, dass Kinder glücklicher und klüger heranwachsen, wenn wir sie mit einem sonnigen Lächeln zeugen, empfangen und nach der Geburt herzlich willkommen heißen. Nicht nur die äußeren Bedingungen entscheiden, sondern mehr noch die geistig seelischen Qualitäten der Menschen. Armut führt in die Kriminalität, fehlende Lebensfreude in die Depression. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind reichhaltig, nur wir setzen sie noch viel zu wenig erzieherisch um.
Meine jahrzehntelangen erziehungswissenschaftlichen Forschungen und auch meine Erfahrungen mit den eigenen Kindern sagen mir, dass Kinder von klein, ja von ganz klein an schon im Mutterleib, wissen, was eine gute und richtige Erziehung ist. Sie können Sonne und Schatten bestens unterscheiden. Bei Menschen ist das nicht anders als bei Pflanzen. Gebe ich als ‚Erzieher’, was die Natur braucht, dann glänzen ihre Blätter, dann wächst der Stamm kräftig, dann mag ein jeder sie gern anschauen.
Die Pflanze zeigt mir sehr schnell, ob ihr meine ‚Erziehung’ gut tut oder ob sie darunter leidet. Die Pflanze scheint schon vor mir zu wissen, was gut und richtig für ihre ‚Erziehung’ ist. Ich muß nur aufmerksam und in Liebe hinschauen. Warum sollte das bei Menschenkindern anders sein?
Erziehung neu erinnern und neu denken lernen heißt für Großeltern, die Sonne der Kindheit scheinen zu lassen oder den Schatten von früher wieder in schönes Licht zu verwandeln. Wir sind im Alter nicht mehr körperliche ‚Erziehungsopfer’, sondern wir haben die Chance, geistige Mitgestalter des allgemeinen neuen Erziehungsbewusstseins zu werden.
Erziehung neu denken lernen
Um Erziehung neu lernen zu können, müssen wir zunächst viele alte Vorstellungen von Erziehung verlernen. Wenn Menschen böse Erinnerungen an Erziehung haben, dann meinen sie gar nicht Erziehung, sondern das Gegenteil. Die ‚bösen’ Erziehungsanstalten brauchte die Gesellschaft doch nur, weil es soviel Nicht-Erziehung gab und noch gibt. Wenn ich eine Blume rausreiße, sage ich doch auch nicht: ich gieße sie.
Sinn unserer Erziehungsreisen ist ein ‚altes’ neues Erziehungsdenken in der Gesellschaft, woran Großeltern mitwirken können. Aber kann man Erziehung überhaupt einheitlich neu denken? Erziehung ist doch so vielfältig, dass sie sich gar nicht allgemeingültig in Gedanken fassen lässt. In jeder Familie und auch in allen Kulturen und Zeiten ist Erziehung immer wieder etwas Anderes. Das wissen Großeltern am besten, wenn sie die Erziehung in ihrer Kindheit mit derjenigen von heute vergleichen.
Immer wieder müssen Kinder Anderes lernen, um in der veränderten Gesellschaft bestehen zu können. Doch mögen die Erziehungsinhalte und -themen auch immer wieder neu sein, der grundlegende Erziehungszweck und die allgemeingültige Erziehungsform sind immer gleich. Wo erzogen wird, geht es stets um die gleiche Aufgabe: die Kinder optimal ins Leben und ins Erwachsen zu bringen. Es geht darum ‚to bring-up the children’ oder – wie ich sage – ‚die Alten ziehen ihre Jungen’.
Das Bild vom Erziehen ist eine Metapher aus dem Pflanzenbereich und bedeutet so viel wie: Wasser von unten, Licht von oben und Schutz von allen Seiten zu geben. Erziehung folgt den Naturgesetzen des Wachstums: sie muss immer etwas Nährendes, Führendes und Lassendes haben. Erziehung ist ein unersetzlicher Bestandteil des ewigen‚Stirb und Werde’ in der Natur. Immer wieder geht neues Leben aus altem hervor. Natur selbst heißt soviel wie Ort des Gebärens.
Nur dort, wo körperlich, geistig seelisches Wachstum ist, darf man von Erziehung reden. Alles Gegenteilige ist Nicht-Erziehung oder Zerstörung. Dieser Kerngedanke von ‚Erziehung’ ist unverwechselbar und auch nicht gleichzusetzen mit ‚Bildung’, ‚Hilfe’ oder ‚Heilung’. Bildung erfordert ein ganz anderes Denken und Handeln als das Erziehen.
Aus der Logik dieses Gedankens ergeben sich zahlreiche praktische Schlussfolgerungen, so beispielsweise dass Erziehung nicht irgendwann in der Entwicklung beginnt, sondern immer bereits schon mit der Zeugung. Mutterleib ist in diesem Denken der erste Erziehungsraum. Hier erlebten auch schon unsere Großeltern ihr relativ größtes Wachstum.
Die Eltern
Die ursprünglichen Träger unserer Erziehung sind die Eltern. Im Leib der Mutter haben wir die Ewigkeit unseres Lebensbeginns erlebt. Diese Beziehungsgeschichte bleibt für immer einmalig und unwiederholbar. Was hier geschieht, bleibt unserem Körpergedächtnis für ewig eingeprägt. Kinder übernehmen von ihrer Mutter und ihrem Vater von Anfang an nicht nur äußere Wirkungen, wie die Ernährung, sondern auch ihre gesamte vergangene und gegenwärtige Lage der Gefühle und Gedanken.
Wir alle sind immer erst Kinder und werden danach erst Eltern. Wo fängt Elternsein an? Unsere Eltern waren ja auch erst Kinder unserer Großeltern. Erst später wurden sie selbst Eltern. Eltern sind nur das letzte Glied einer unendlichen Kette von Männern und Frauen, die sich gefunden und gepaart haben. Rechne ich nur 12 Generationen zurück, also bis in eine Zeit, als Bach anfing seine Musik zu spielen, dann waren es 2048 Paare oder 4096 Männer und Frauen, die mich letztlich hervorgebracht haben.
Konnten meine Eltern nicht für Sonne sorgen, so konnten es deren Eltern mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht. So mag sich das Kindeswohl oder –übel ‚bis ins vierte oder gar tausendste Glied’ fortsetzen. Die Bibel sagt nichts anderes als die Wissenschaft: Unerwünschte Kinder zeugen als Eltern immer noch unerwünschtere Kinder, bis schließlich keiner mehr Kinder wünscht oder sie aus dem Fenster geworfen werden, wenn sie trotzdem kommen. Für mich waren meine Eltern verantwortlich, wer aber war für meine Eltern und deren Eltern verantwortlich?
Elternsein ist kein einzelnes Haus, sondern eine ewige Kette, die alle Elternhäuser durchzieht. Für die Erziehungswirklichkeit in den einzelnen Elternhäusern sind die Eltern verantwortlich. Das Erziehungsbewusstsein über allen Erziehungshausdächern aber ist eine Gemeinschaftsaufgabe für uns alle. Eine Gesellschaft, der das Wachstum der Wirtschaft wichtiger ist als das Wachstum der Kinder, rückt die Mütterquote unausgesprochen hinter die Frauenquote. Das ist wirtschaftlich und soziologisch nützlich, im Sinne eines erzieherischen Bewusstseins ist das ‚ver-rückt’. Keine Gesellschaft kann besser sein als ihre Eltern, die für die Erziehungsanfänge, wenn noch alle Probleme klein sind, für immer unersetzlich bleiben. Will eine Gesellschaft sich verbessern, so muss sie ihre Eltern und Großeltern und ganz allgemein das in ihr herrschende Bewusstsein von Elterlichkeit verbessern. In dieser gemeinschaftlichen Bewusstseinsaufgabe ist der eigentliche Erziehungsbeitrag der Großeltern zu suchen, der noch viel wichtiger ist als ihre organisatorischen Beiträge zur besseren Bewältigung der Vereinbarkeit von ‚Familie und Beruf’.
Das Erziehungsbewusstsein
Die einzelnen Eltern stehen im Dienste der Erziehung neuer Menschen. Die ganze Menschheit steht im Dienste des allgemeinen elterlichen Bewusstseins. Wie Wirtschaftlichkeit oder Rechtsstaatlichkeit ist Elterlichkeit ein tragendes Prinzip des gesellschaftlichen Lebens, wenn nicht gar das tragendste. Ohne Eltern kein Weiterleben. Eltern lassen sich nicht ersetzen wie Bänker. Eltern sind der Anfang vom Anfang allen Lebens und damit sicherlich der höchste gesellschaftliche Wert, in dem sich alle anderen Werte und Tugenden des Lebens vereinigen.
Wie geht die Gesellschaft mit diesem Wert um? Die römische Gesellschaft hat ihre Eltern geheiligt, wenn sie gesunde Kinder erzogen. Da wusste man zu schätzen, wenn Eltern den ewigen Zweck der Erziehung erfüllten, indem sie für das bestmögliche körperlich gesunde, geistig klare und seelisch ruhige Erwachsen ihrer Kinder sorgten. In unserer Gesellschaft haben fast alle viel ‚Herz für Kinder’, aber nur wenige auch eins für Eltern. Doch glückliche Kinder gibt es nur bei glücklichen Eltern. Solange wir die Eltern nicht als die unersetzlichen ersten Erzieher achten, steht das gesellschaftliche Erziehungsbewusstsein auf dem Kopf.
„Wenn wir uns als bewusste Eltern verhalten, werden auch unsere Kinder und Kindeskinder bewusste Eltern sein:“ (Lipton) Kinder übernehmen die geistigen Gesamtfiguren der Eltern mehr als ihre einzelnen Tätigkeiten. Insbesondere starke unverarbeitete Gefühle setzen sich in den Gedächtniszellen der Kinderkörper fest und wachsen mit. Der Fluss kindlicher Gefühlshormone wird gleichsam in den Gehirnen der Eltern gesteuert, so wie der Hund wortlos mitkriegt, wenn Herrchen an Gassi denkt.
Die Erkenntnisse der modernen Bewusstseinsforschung sind eindeutig: Das menschliche Bewusstsein bestimmt das Sein, nicht umgekehrt. Menschen leben so, wie sie denken. Gedanken sind Realität. Mit ihnen beobachten wir unsere Umwelt nicht nur, wir verändern und gestalten sie auch damit. Weil das menschliche Wesen zugleich vorgegebene und zugleich vorwärtsstrebende Natur ist, hat das menschliche Bewusstsein keinen starren Seins-, sondern einen unaufhörlichen Werdenscharakter.
Für dieses immer wieder Werdende in unserem Erziehungsbewusstsein sind die Erziehungserfahrungen der Großeltern ein unverzichtbares Korrektiv. Wie beruhigend kann in hektischen Erziehungssituationen ihr: ‚dat löpt sich aalens torecht’ sein. In ihrer gefühlsmäßigen und gedanklichen Verarbeitung und Neuordnung früherer Erziehungserlebnisse als Kind und als Eltern liegt für die Großeltern selbst wie aber auch für alle übrigen Erzieher die Möglichkeit für viel Weisheit und Frieden.
Die Großeltern
Großeltern sind die ‚großen Älteren’. Sie sind zuerst gekommen und werden zuerst wieder gehen. Sie haben alle aktiven Erziehungsphasen durchlebt. Dieses erzieherische Merkmal ist neben dem Nachlassen der körperlichen Kraft ihr wesentlichstes Unterscheidungskriterium gegenüber allen anderen gesellschaftlichen Gruppen. Großeltern sind das lebende geistige Vermächtnis eines jeden lebendigen Erziehungszyklus. Körperlich sind sie die Alten, die alles hinter sich haben, geistig aber die Jüngeren, die alles neu vor sich stellen können. Solche jung gebliebenen Älteren sind es, die Kinder wie Eltern weltweit so lieben und brauchen.
Als Kinder sammeln wir unser erstes erzieherisches Erlebnis- und Erfahrungswissen. Man weiß, was Erziehung ist. weil man sie selbst erlebt hat. Als Eltern stehen Väter und Mütter in der selbständigen erzieherischen Verantwortung und streben nach persönlicher Gewissheit im erzieherischen Wissen. Das ist die Wissensqualität, in der die Eltern Recht haben wollen und im Sinne unseres Grundgesetzes auch Recht haben sollen. Als Eltern tragen sie die letzte Verantwortung dafür, was für sie selbst und für ihre Kinder die richtige Erziehung ist.
Was ihre Erziehung wert war, wissen Eltern allerdings erst als Großeltern. Wie meine Kinder ihre Kinder erziehen, wird zum wichtigen erzieherischen Prüfkriterium. Der erzieherische Lebenslauf zwischen Kindheit und Großeltern ist also ein zunehmender geistiger Prozess erzieherischer Bewusstseinsbildung vom bloßen Erlebniswissen des Kindes über das Gewissheitswissen der Eltern zum gewissenhaften Wissen der Großeltern. Es geht vom kindlichen ‚Ich’ in der Erziehung zum elterlichen ‚Wir’ zum großelterlichen ‚Wir Alle’ als kollektiver Erziehungsgemeinschaft.
Großeltern sind die geistigen Vollender der biographischen Erziehungsreihen. Sie müssen es auch sein, weil anders gar keine persönliche empirische Auswertung gewesener und bestehender Erziehungsverhältnisse möglich ist. Die Großelternzeit ist die Zeit der Muße zum erzieherischen Hinfühlen, Nacherleben und Vordenken. Nicht der Staat, sondern die Großeltern sind die natürlichen Wächter des unaufhörlich weiterfließenden und neu zu ordnenden menschlichen Erziehungsbewusstseins.
Dies setzt jedoch Großeltern voraus, die diese Aufgabe wahrnehmen wollen und auch können. Unser Land braucht diese reiselustigen und erziehungskundigen Großeltern, die sich für mehr Eltern- und Kindeswohl einsetzen wollen. Auf unseren Eltern- und Erziehungsreisen können Großeltern ein Stück elterlicher und erzieherischer Würde zurückerhalten und dann auch wieder in das Ganze zurückgeben.
Vision
Unsere Vision ist: gelingende Erziehung in glücklicheren Elternhäusern. ‚Oikos’ bedeutete im altgriechischen so viel wie das ‚glückliche Haus’. ‚Oikos’ ist auch in dem Wort Ökonomie enthalten. Der Sinn des Wirtschaftens war das Glück des Hauses, in dem die Gemeinschaft der Generationen lebte, in dem die Eltern ihre Jungen großzogen und in dem die Großeltern die Weisheit von Leben und Erziehung verkörperten.
In der ‚Ökonomie’ von heute ist der Gedanke an das ‚glückliche Haus’ von der Effektivität des wirtschaftlichen Mehrwerts nahezu vollständig verdrängt worden. Statt um Zusammenarbeit für das Gemeinwohl und eine glückliche Erziehung geht es um Wettbewerb und Gewinnmaximierung. Nicht alle haben gut vom Wirtschaften, sondern nur wenige. Die Betriebswirtschaften arbeiten nicht als Zusammenschluss von Hauswirtschaften, sondern als Sklaven der Weltwirtschaft.
Das deutsche Wort ‚Wirt’ hat einen ähnlichen Bedeutungswandel durchgemacht. Die ursprüngliche Bedeutung war ebenfalls auf die häusliche Gemeinschaft bezogen. ‚Wirt’ war der Hausherr, Schutzherr, Ehemann und auch der Gastfreund, der allen Speise und Bewirtung in seinem Hause gewährte. Auch aus diesem Wort ist das Häusliche gegenüber dem Wirtschaftlichen völlig verschwunden. Wirtschaft wird als beruflicher Profit gedacht, nicht als Absicherung eines glücklichen Elternhauses.
Diese veränderten gesellschaftlichen Wirklichkeiten wurden im Verlaufe der Geschichte von Menschen geschaffen und können nun auch nur wieder von Menschen neu verändert werden. Dazu ist ein allgemeiner Bewusstseinswandel notwendig, der sich – wie an vielen gesellschaftlichen Schauplätzen zu merken ist – bereits in voller Fahrt befindet. Am Geburtenrückgang, am Fachkräftemangel, an der Zunahme der Wirtschaftskriminalität lässt sich genau studieren, dass erfolgreiches Wirtschaften ohne glückliche Erziehung keinen Sinn macht.
Menschliches Leben lebt aus der Vision. Was der Mensch wird, ist eine offene Frage. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“, lässt Goethe die Engel in der Bergschlucht sagen. „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen-senden“, heißt es in dem Gedicht „Stufen“ von Hesse. Und speziell den Großeltern rief er in seiner Abschlusszeile zu: „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden … wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ Dabei „ist die Liebe die optimale Methode, um einen höheren Organisationsgrad zu erreichen“ – so die Schlussfolgerung des Elektronenphysikers Charon. Streben wir es an: ‚Vom Pensionär zum Visionär!’
Ein spezielles Reiseangebot
Wir hoffen, dass durch die vorausgegangenen Ausführungen das Neue und Besondere unserer Erziehungserkenntnisse für die Elternuniversität im Ansatz deutlich werden konnte. Das Ganze ist allerdings viel komplexer und neuer, als sich dem vorliegenden Text entnehmen lässt. Es wird vieles zu lernen und auch zu verlernen sein. Im Einzelnen wird es in der Seminarreihe zunächst darum gehen, die Bedeutung der Erziehung für das individuelle und gemeinschaftliche Leben bei sich selbst zu erkennen. Des weiteren sollen Kenntnisse und Fertigkeiten zu und mit einem neuen Erziehungsbewusstsein vermittelt werden, um schließlich eine gemeinsame und teamfähige Vision und Strategie für mehr geistige ‚Heilung’, für mehr Glück, Erfolg und Liebe in den Elternhäusern und in der Menschheit zu sorgen. Die einzelnen Schritte dieser Bildungsreise sind:
1
Im Spiegel unserer Erziehung geistig verjüngen
(Das Leben nicht auf das Ende hin, sondern vom Ursprung her fühlen lernen)
2
Erziehung beginnt mit der eigenen Erziehung
(Versöhnung mit seinen Erziehungen als Kind wie als Eltern)
3
Erziehung neu denken lernen
(Erziehung als einen in sich schlüssigen Gedanken kennen lernen
4
Der pädagogische Blick
(Pädagogisches Urteilenkönnen setzt pädagogisches Sehenkönnen voraus)
5
Die Arbeit des Erziehers an sich selbst
(Erziehung lernen Eltern durch Erziehen und Reflexion ihrer Erziehungsfehler)
6
Das passende Maß zur rechten Zeit
(Von nichts zu viel, von nichts zu wenig – die passenden Gleichgewichte)
7
Das glückliche Elternhaus
(Großelterlichkeit als Verkörperung erzieherischer Vernunft und Weisheit)
Wer das Seminar durchlaufen hat, vermag Erziehung allgemeingültig zu denken und zu fühlen. Die eigene Erziehung, die Kindererziehung wie die als Eltern, kann in ein umfassendes, wissenschaftlich untermauertes Erziehungsbewusstsein eingeordnet und ausgewertet werden. So wird individuelles wie gesellschaftliches Erziehungsbewusstsein wieder vermehrt durch ein aktives großelterliches ergänzt, erweitert und verändert. Das Alter leistet, was es leisten kann und will. Alle organisatorischen Fragen wie auch die endgültige Abstimmung der Inhalte und der Arbeitsmethoden werden erst noch auszuhandeln und zu vereinbaren sein.
Wer ruft auf?
Das Projekt „Erziehungswissenschaftliche Elternbildung – Elternuniversität im Werden“ am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg wurde 2006 von einer engagierten Studentengruppe, einigen Eltern und Persönlichkeiten der Stadt unter Leitung des Erziehungswissenschaftlers Werner Lauff ins Leben gerufen. Werner Lauff ist seit 40 Jahren Erziehungswissenschaftler. Zuvor arbeitete er als Bergmann und Keramikingenieur. Während des Studiums an der Bergakademie Claus-thal gründete er einen Filmclub und eine europaweite studentische Ferienbetreuungsaktion für Großstadtkinder, die sich sonst keine Ferienreisen leisten konnten. Diese Aktion war auch der Ausgangspunkt für sein besonderes Interesse am Erziehungsthema und für seinen Entschluss zu einer erziehungswissenschaftlichen Doktorarbeit. Als Quereinsteiger in die Erziehungswissenschaft ist er auf nicht übliche erziehungswissenschaftliche Inhalte und Methoden gestoßen, für die er dann nach neuen Erkenntnis- und Forschungswegen gesucht hat. Mit seinen Erkenntnissen wurde dann in Kommunikation mit mehreren Studenten- und Elterngenerationen ein neuartiges und bisher einzigartiges erziehungswissenschaftliches Theoriegebäude von Erziehung möglich. Damit kann nun ein neues Bewusstsein von Erziehung auf den Weg gebracht und ins Werk gesetzt werden. Die Grundgedanken können in seinem 2010 im Gütersloher Verlagshaus erschienenen Buch „Das Elterndiplom oder: Erziehung verstehen“ nachgelesen werden. Besonderes praktisches Ziel der Elternuniversität ist eine neuartige leistungsstärkere erziehungswissenschaftlich fundierte Elternbildung und damit im Endeffekt eine grundlegende Verbesserung der Kinderziehung mit mehr Lebensfreude und Lebensglück in den Elternhäusern. Inzwischen wird Werner Lauff bald 80. Er ist jung geblieben mit den Jungen. Seine 6 Kinder sind zwischen 50 und 5 Jahre alt. Er hat 8 Enkelkinder. Sein unermüdliches aktuelles Anliegen ist, was derzeit am grundlegendsten fehlt:
Mehr Elterlichkeit in unserer Gesellschaft!
® 2011 Nicole Rauscher Akademie
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