Bleiben Sie aktuell! Jetzt unseren Newsletter abonnieren!
24 Mai, 2013
Unsere Gesellschaft hat keinen systematischen Ort für die Bildung ihrer Eltern. Die Familien haben diese wichtige Bildungsfunktion längst verloren. Was Eltern kennen und können sollen, vermitteln heute überwiegend die öffentlichen Medien. Deren erzieherischer Sachverstand ist relativ beliebig. Persönliche Erfahrungen werden meistens mit fachlicher Bildung gleichgesetzt. Jeder will besser wissen, was Erziehung ist und wie man sie macht. Widersprüchlichste Ratgeber und Elternkurse verunsichern massenhaft die öffentliche Meinung. Das Eltern- und Erziehungsbewusstsein in unserer Gesellschaft ist unkontrollierbar in Unordnung geraten. Rundum glückliche Eltern gibt es kaum noch. Wie schade für die Kinder.
Die Gesellschaft spaltet die Eltern in gute und böse. Gesellschaftliche Beachtung finden vorwiegend die bösen. Das stimmt bedenklich, da Eltern der Anfang vom Anfang des Lebens sind – des einzelnen, wie des gesellschaftlichen. Alles Leben und alle Erziehung beginnt mit Eltern – schon von der Zeugung an. Die Pflege der Elternschaft bedarf deshalb der besonderen Sorgfalt aller Eltern und Nicht-Eltern. Die römische Gesellschaft hat ihre Eltern geheiligt, weil sie das gesellschaftliche Weiterleben sicherten. Elterliche Erziehung geht aller öffentlichen Bildung voraus. Im Sinne des Gesetzes vom Anfang bewirkt elterliche Vernachlässigung zwangsläufig jugendliche Bildungs- und berufliche Leistungsbeeinträchtigung. Frühe Erziehungsversäumnisse schrumpfen nicht, sie wachsen mit. Dauerhafter noch als die Vernachlässigung der Kinder wirkt eine Vernachlässigung der Eltern als schleichender Anfang vom Ende einer Gesellschaft. Nachhaltiges Kindeswohl setzt immer aktuelles Elternwohl voraus.
Je verworrener das elterliche Bewusstsein in einer Gesellschaft ist, umso mehr braucht es gesellschaftliche Pflege. Ein Staat kann seine Beamten ersetzen, nicht aber seine Eltern. Im Grundgesetz ist das natürliche Recht der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder eindeutig festgelegt. In der gesellschaftlichen Praxis hingegen lässt sich eine zunehmende Entmündigung der Eltern feststellen. Statt rechtzeitiger Bildung für Eltern gibt es immer mehr verspätete Hilfe für Kinder. Das heißt das Pferd von hinten aufzäumen. Die Jugendämter kommen dabei an ihre kapazitären Grenzen. Elternbildung dürfte auf Dauer problemlösender wirken als Elternkontrolle. Die nächste Elterngeneration wächst immer schon im Mutterleib, in den Kreißsälen, im Kindergarten, in den Schulen heran. Die gesamte Öffentlichkeit braucht eine neue Erziehungsbildung. Doch die Interessenlage ist zwiespältig: Das erzogene Kind wird erwartet, das unerzogene Kind aber schafft vielen Brot und Arbeit. Auf Dauer werden Elternersatzberufe wohl notlindernd, nicht aber elternbildend wirken – im Gegenteil.
Die Zahl der Eltern, die ihrer Erziehungspflicht nicht gewachsen sind, nimmt zu. Das Kinderleid schmerzt die Gesellschaft, aber das Elternleid ist die eigentliche Ursache.
Drei Gründe erscheinen maßgeblich:
1. Den Eltern fehlt eine elterngemäße Erziehungsbildung. Elternfreiheit braucht weniger technische Praxisbildung als theoretische Bewusstseinsbildung.
2. Das Gleichgewicht zwischen Erziehungs- und Wirtschaftsparadigma ist in unserer Gesellschaft seit langem nicht mehr gegeben. Die ökonomischen Belange der Betriebswirtschaften sind uns wichtiger als die erzieherischen der Hauswirtschaften.
3. Die vernachlässigten Kinder von gestern sind die vernachlässigenden Eltern heute. Der Verlust an Elterlichkeit nimmt von Generation zu Generation zu.
Nichts also wirkt auf lange Sicht umweltzerstörerischer als mangelnde Erziehungssorge und fehlende Elternbildung.
Woran es in der gegenwärtigen Elternbildung grundlegend mangelt, ist eine glücklich machende Elternbildung. Erzieherisch geht es nicht nur um das funktionieren können. Lebensfreude ist das wichtigste Qualitätskriterium einer erzieherisch motivierten Elternbildung. Man kann Kindern nicht etwas geben wollen, woran man selbst keine Freude hat. Glückliche Kinder gibt es nur mit glücklichen Eltern. Für eine solche Elternbildung steht dieser Aufruf. Dazu fehlte aber bisher ein erziehungswissenschaftlich fundiertes Erziehungskonzept Seit ihren Anfängen vor 250 Jahren ist die Erziehungswissenschaft mehr Lehrer- als Elternwissenschaft. Die Bestimmung eines elternbezogenen Erziehungsbegriffs wurde erst möglich auf der Grundlage der 30 jährigen Erziehungsforschungen des Erziehungswissenschaftlers Prof. Dr. Werner Lauff. Im Unterschied zur historisch bzw. psychologisch orientierten Erziehungsforschung kann mit seinem alltagsorientierten Forschungsansatz der praktische Erziehungsalltag der Eltern selbst erfasst und durchdacht werden. Die Erfahrungen und Nöte von Eltern werden nicht nur mit historischen Beispielen oder psychologischen Techniken überlagert, sondern in ein eigenständiges erzieherisches Bewusstsein transformiert. Diese Art von Elternbildung ist mehr ein Praxisgespräch und eine Praxisreflexion mit Eltern als eine Praxisbelehrung für Eltern.
Die Einzigartigkeit dieses Projektes begründet sich in der bisherigen Einmaligkeit dieser Forschungen. Der schwierige Spagat zwischen freiem elterlichen Erziehungsrecht und verbindlicher gesellschaftlicher Erziehungspflicht kann mit dieser Art Elternbildung gelingen. Die Eltern werden nicht nur mit vorgedachtem Wissen angefüllt und festlegt, sondern mit erzieherischem Feuer entfacht und für die eigenständige erzieherische Erfahrung geöffnet. Wahre Elternbildung kann nicht anders als Selbstbildung sein. Man kann Eltern bei der Erziehungsverantwortung nicht in die erste, bei der Erziehungsbildung aber in die letzte Reihe setzen wollen. In keinem sonstigen Beruf erwartet die Gesellschaft Leistung ohne qualitativ hochstehende Bildung. Die Kosten für eine solche Elternbildung können nicht weiter ignoriert werden. Das ist Sparen am falschesten Ende. Bisher beschränkt sich das öffentliche Budget auf die wissenschaftliche Lehrer- und Erzieherbildung. Es erweist sich allerdings als politischer Fehlschluss, die öffentliche Erziehung gegenüber der elterlichen als überlegen anzusehen und festzuschreiben..
Bei Eltern werden die Erziehungsfähigkeiten naturhaft vorausgesetzt. Für ihren Bildungsetat sollen sie selbst zuständig sein. Sollte Lehrerbildung nur deshalb wichtiger sein, weil sie besser zu kontrollieren und funktionaler einsetzbar ist? Rein ökonomisch betrachtet sind Eltern für Wirtschaft und Gesellschaft nicht nur als Produktionsfaktor ernst zu nehmen, sondern immer zugleich auch als ihr unersetzlicher Reproduktionsfaktor. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, also von Erziehungs- und Arbeitszeit, ist deshalb nicht nur ein privates Erziehungs-, sondern immer auch ein öffentliches Wirtschaftsanliegen. Am Geburtenrückgang und am Fachkräftemangel nimmt die Öffentlichkeit diese Zusammenhänge wahr. Angst vor Arbeitslosigkeit im Betrieb steht beispielsweise für eine große Mehrheit der deutschen Arbeitnehmer in engen Zusammenhang mit Elternlosigkeit im Privatleben. Mehr Geburten scheinen mehr Elterlichkeit und Erziehungsbildung in der gesamten Wirtschaft und Gesellschaft notwendig zu machen.
Freude und Erziehungserfolg in den Familien bringen mehr Freude und Leistungserfolg in die Betriebe und umgekehrt. Die Naht zwischen Familie und Betrieb ist enger als wir im Allgemeinen denken. Was das Eltern- und Erziehungsthema so schwierig macht, ist die bisher unaufgelöste Spaltung zwischen elterlichen Naturrechten und staatlichen Gesellschaftspflichten. Das eine erfordert individuelles Maßhalten, das andere kollektive Lehrpläne. Das eine soll immer wieder neues Leben hervorbringen und erwachsen lassen, das andere soll die jungen neuen Menschen an die gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen und leistungs- und funktionsfähig machen Das eine ist kreativ, das andere eher technisch zu bewältigen. Diese Spaltungen lassen sich nur in gebildeter Elterlichkeit auflösen. Bei genauer Gesellschaftsanalyse erweist sich Elterlichkeit als ein besonders hoher gesellschaftlicher Wert – wenn nicht gar als der höchste. In gelingender Elterlichkeit verwirklichen sich die erstrebenswertesten gesellschaftlichen Tugenden, wie Vertrauen, Gegenseitigkeit, Dankbarkeit, Toleranz, Vergebung. Erhalt und Weitertragen dieser Werte und Tugenden sollte uns eine hochgradig qualifizierte Bildung wert sein. Je geringer die Vorbildung der Teilnehmer ist, umso höher ist die Grundbildung anzusetzen. Genau umgekehrt, wie dies heute gedacht und gemacht wird.
Gelingende Elternbildung zwischen Kreativität und Fachwissen heißt primär Bewusstseinsbildung, nicht Praxislehre. In der Elternbildung geht es um Lebensfreude, Intuition und Fachwissen. Zwischen Freiheit und Bindung ist eine solche komplexe Bildung nur in universitärem, nicht aber in schulischem Geist zu verwirklichen und weiter zu erforschen.
® 2013 Nicole Rauscher Akademie
Top